Ursachenanalyse abgeschlossen: Stadtwerke ziehen Lehren aus Störungen der Kläranlage
Weltwassertag: Stadtwerke starten Informationskampagne zur Abwasserreinigung
Am 22. März ist Weltwassertag. Die Stadtwerke Dietzenbach nehmen diesen internationalen Aktionstag zum Anlass, auf die Bedeutung einer funktionierenden Abwasserreinigung aufmerksam zu machen. In den sozialen Medien starten die Stadtwerke deshalb eine Informationskampagne unter dem Titel „Was passiert eigentlich in der Kläranlage?“. In kurzen Videobeiträgen wird erklärt, welche Stationen das Abwasser durchläuft und warum ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Abwassersystem wichtig ist.
Hintergrund der Kampagne sind auch die Störungen im Betrieb der Kläranlage im Sommer 2025. Die damaligen Ereignisse haben gezeigt, wie sensibel die biologische Reinigung auf ungeeignete Stoffeinträge reagieren kann. Gleichzeitig haben sie umfangreiche Untersuchungen angestoßen, deren Ergebnisse nun vorliegen.
Nach wiederholten Störungen im Betrieb der Kläranlage Dietzenbach im Sommer 2025 haben die Stadtwerke Dietzenbach die Ursachen umfassend untersuchen lassen. „Ziel war es, die Hintergründe fachlich fundiert aufzuklären und gleichzeitig Maßnahmen abzuleiten, um künftig noch schneller und gezielter reagieren zu können“, erklärt Bereichsleiter Technischer Betrieb Jannis Wirth.
Ausfall der biologischen Reinigungsstufe
Im Zentrum der Störungen stand die sogenannte biologische Reinigungsstufe der Kläranlage. In diesem Prozess übernehmen spezialisierte Mikroorganismen eine zentrale Aufgabe: Sie wandeln Ammonium schrittweise in Nitrit und Nitrat um – ein Vorgang, der als Nitrifikation bezeichnet wird und für den Gewässer- und Umweltschutz unverzichtbar ist.
„Diese Mikroorganismen sind äußerst sensibel“, erläutert Wirth. „Bereits geringe Mengen bestimmter Stoffe können ihren Stoffwechsel erheblich beeinträchtigen oder sogar zum Erliegen bringen.“
Über mehrere Wochen hinweg war in der Kläranlage kaum eine Nitrifikation messbar. In der Folge konnte das Abwasser zeitweise nicht in der gewohnten Qualität biologisch gereinigt werden – ein ernstzunehmender Zustand, der intensive Analysen erforderlich machte.
Wissenschaftliche Ursachenforschung
Zur Klärung der Ursachen haben die Stadtwerke eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus wissenschaftlichen Einrichtungen und spezialisierten Laboren eingebunden. Grundlage der Untersuchungen waren sowohl Rückstellproben aus dem Störfallzeitraum als auch Referenzproben aus dem regulären Anlagenbetrieb.
„Uns war wichtig, nicht vorschnell zu urteilen, sondern die Ursachen strukturiert und wissenschaftlich belastbar einzugrenzen“, so Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Christian Schaum von der Universität der Bundeswehr München „Dafür wurden moderne analytische Verfahren ausgewählt und die vorhandenen Proben und Betriebsdaten systematisch ausgewertet.“
Geschäftsführer Dr. Thomas Benkert der DyeNA Genetics GmbH berichtet: „Die Ergebnisse unserer qPCR-Analysen des Belebtschlamms zeigten einen deutlichen Rückgang der Nitrifikanten in der biologischen Reinigungsstufe.“
„Wir konnten in der Rückstellprobe Hinweise auf Pyrazol und Imidazol feststellen, die beiden Stoffe wirken stark nitrifikationshemmend“, bestätigt Prof. Dr.-Ing. Stephan Wagner von der HS Fresenius.
Keine eindeutige Verursacherzuordnung möglich
Aufgrund der Vielzahl möglicher Einsatzbereiche solcher Stoffe – etwa im medizinischen, industriellen oder landwirtschaftlichen Umfeld – sowie der Komplexität des Abwassersystems ist eine eindeutige Zuordnung zu einem einzelnen Verursacher im Nachgang nicht belastbar möglich.
„Abwassersysteme bündeln Einträge aus vielen unterschiedlichen Quellen, bevor sie das gereinigte Abwasser in unsere Gewässer ein-leiten“, erklärt Prof. Dr. Jörg Oehlmann vom Kompetenzzentrum Wasser Hessen in Frankfurt. „Eine rückwirkende Zuordnung über mehrere Wochen hinweg ist unter diesen Rahmenbedingungen leider nicht möglich.“
Lehren für die Zukunft
Die Stadtwerke bewerten die Ergebnisse ungeachtet der weiterhin bestehenden Unsicherheiten als wesentlichen Fortschritt. Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse konnten konkrete Vorgehensweisen entwickelt werden, um bei vergleichbaren Ereignissen künftig frühzeitig und zielgerichtet Gegenmaßnahmen einzuleiten. „Wir sind nun in der Lage, potenzielle Eintragspfade deutlich präziser nachzuvollziehen“, erläutert Wirth. „Das versetzt uns in die Position, auf Fehleinleitungen wesentlich schneller und wirksamer reagieren zu können.“
Parallel dazu wird die technische Robustheit der Kläranlage durch Investitionen weiter erhöht. Mit der Inbetriebnahme neuer Belebungsbecken in diesem Jahr wird eine höhere Prozessstabilität erwartet. „Moderne Technik macht die Anlage widerstandsfähiger“, betont Wirth. „Sie kann jedoch nicht kompensieren, wenn Stoffe eingeleitet werden, die dort grundsätzlich nichts zu suchen haben.“
Gemeinsame Verantwortung für Umwelt- und Gewässerschutz
Die Stadtwerke Dietzenbach appellieren daher erneut an Bevölkerung und Gewerbetreibende, verantwortungsvoll mit dem Abwassersystem umzugehen. „Das Abwassersystem ist kein Entsorgungsweg“, so Geschäftsführer der Stadtwerke Guido Schick „Chemikalien, Medikamente, Farben oder andere problematische Stoffe können die biologische Reinigung massiv schädigen.“
Dank der kontinuierlichen Überwachung der Anlage wurde die Störung frühzeitig identifiziert, sodass zu keinem Zeitpunkt eine Gefährdung für Mensch oder Umwelt bestand. Unabhängig davon war die Beeinträchtigung der biologischen Reinigungsleistung ein schwerwiegender Vorgang, der deutlich macht, wie sensibel das System auf ungeeignete Stoffeinträge reagiert. In den Abfluss gehören ausschließlich haushaltsübliche Abwässer, Fäkalien und Toilettenpapier. Haare, Feuchttücher oder andere Fremdstoffe führen zusätzlich zu mechanischen Störungen und Schäden in Kanalnetz oder Kläranlage.
„Unsere Kläranlage leistet täglich einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Gesundheitsschutz“, erklärt Schick. „Damit das so bleibt, brauchen wir neben moderner Technik vor allem das verantwortungsvolle Mitwirken aller Nutzerinnen und Nutzer.“
